Gestern ist Heute

BaldSoon
Alex Müller
16. Oktober – 19. Dezember 2026

Courtesy Haverkampf Leistenschneider

„Man kann, und davon bin ich überzeugt, immer nur in der Mitte anfangen.“ So beginnt die 2001 entstandene autofiktionale Kurzgeschichte „Zwischen Juli und Oktober“, die Alex Müller noch als Studentin schrieb und im Plenum vorlas. Bis 2025 wurde sie nie wieder gehört oder gelesen. Gemeinsam mit anderen Materialien und Objekten, die Müller findet, sammelt, geschenkt bekommt, abmontiert oder rettet, bildet sie eine Art Fundus. Wie ein Samenkorn in der Erde wartete diese Kurzgeschichte auf einen Moment, in dem sie wieder ans Licht kommen und von der Künstlerin in etwas anderes transformiert werden konnte: in diesem Fall in eine von der Wand baumelnde weiße Doppeljeans mit vier über drei Meter langen Beinen, die wie Birkenstämme aussehen und auf die Müller die ganze Geschichte von 2001 handschriftlich übertrug – als schier endlose, obsessive Schreibrinde.

Wie alles in Müllers Sammlung ist auch diese Geschichte Teil eines Werkes, das sich damit beschäftigt, was erinnert und vergessen wird, was physisch und psychisch in uns, in der Materie, in unseren Beziehungen, Seelen und Gesellschaften eingeschrieben ist. „Gestern ist Heute“, Müllers Ausstellungstitel, könnte beides andeuten: dass es ohne Erinnerungen, ohne ein Bewusstsein für die Vergangenheit kein Heute gibt – aber auch, dass unser Heute immer schon das Gestern ist, auf das zukünftige Generationen zurückblicken.

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