True Stories / Narratives of Absence

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Ellen Kobe
12. Oktober 2026 – 14. Februar 2027

Fotos: Barbara Eichenlaub

Mit True Stories / Narratives of Absence präsentiert Ellen Kobe im Erdgeschoss des Schloss Biesdorf Arbeiten, die historische Ereignisse, politische Narrative sowie persönliche und kollektive Erinnerung in subtile, oft irritierende Bild- und Handlungsräume überführen. Ausgehend von realen Begebenheiten und ihren Leerstellen untersucht Kobe, wie Geschichte sich in Abwesenheiten, Verschiebungen und fragmentierten Erzählungen manifestiert.

In drei Räumen des Erdgeschosses zeigt Ellen Kobe jüngere Arbeiten, die sich mit historischen Bildern und Ereignissen auseinandersetzen und zugleich danach fragen, wie diese in der Gegenwart fortwirken. Dabei bewegt sich ihre Praxis bewusst zwischen Dokumentation und Fiktion, zwischen tatsächlichem Geschehen und erfundener Geschichte. Kobe schafft Situationen, in denen das Abwesende sichtbar und das vermeintlich Wahre fragwürdig wird.

In ABEND ÜBER POTSDAM (2022) stellt Kobe eine Performance vor dem historischen Stadtraum Potsdams nach, die sich auf Lotte Lasersteins gleichnamiges Gemälde von 1930 bezieht. Die jüdische Malerin hielt darin kurz vor ihrer Emigration die Atmosphäre einer Gesellschaft fest, die am Vorabend des Nationalsozialismus steht. Fast ein Jahrhundert später wird die Szene erneut inszeniert: Die historische Situation wird zur Folie für die Frage, welchen Weltenwandel wir heute erleben und welche Spuren vergangener Geschichte über Generationen hinweg wirksam bleiben.

Auch die Performances LESUNG / Putin in unserer Straße (2025) und PODIUMSDISKUSSION / Stauffenbergs Tasche (2025) arbeiten mit der produktiven Unschärfe zwischen Realität und Erfindung: Putin in unserer Straße ist die Lesung aus einem Roman, den es nicht gibt. Kobe inszeniert nicht nur einen Textausschnitt, sondern auch die Entstehung und Rezeption des vermeintlichen Romans und macht damit die Mechanismen des Literaturbetriebs selbst zum Gegenstand. Wahrscheinliches und Unwahrscheinliches liegen dicht beieinander.

In Stauffenbergs Tasche wird eine Podiumsdiskussion über einen Film inszeniert, der niemals gedreht wurde. Film- und Geschichtsexperten sprechen über nicht vorhandene Filmbilder und erzeugen damit im Kopf des Publikums eine visuelle Realität. Thematischer Ausgangspunkt ist der Widerstand gegen den Nationalsozialismus und die Frage, was ein Einzelner in schwierigen Zeiten tun kann. Zugleich hinterfragt Kobe die heroischen Bilder, mit denen Geschichte bis heute erzählt wird, und überführt das Format der Podiumsdiskussion selbst in eine performative Situation.

Die Installation AUFBAHRUNG (2025) vergegenwärtigt einen weiteren historischen Ort und seine verdrängte Geschichte. In der Villa Schloss Ludwigshöhe, die zwischen 1914 und 1918 als Lazarett für Kriegsversehrte genutzt wurde, vollzieht Kobe das Ritual der Aufbahrung. Gesprochene Namen rufen die Toten für einen Moment ins Gedächtnis; nach einer Schweigeminute folgen Namen von Gefallenen des Ukrainekriegs.

Mit HÄTTE KLAPPEN KÖNNEN (2026) erweitert Kobe das Spiel zwischen Dokument und Fiktion um eine persönliche, autofiktionale Ebene. In einem performativen Shooting wird die Künstlerin als Braut inszeniert, während auf der Tonspur ein Brief an einen fiktiven Liebhaber aus dem Kriegsgebiet im Iran, zu hören ist. Private Imagination, geopolitische Realität und die Sehnsucht nach einer möglichen Beziehung überlagern sich und erzeugen eine Geschichte, deren Wahrheit gerade in ihrer Unwahrscheinlichkeit liegt.

True Stories / Narratives of Absence versteht Geschichte nicht als abgeschlossene Erzählung, sondern als etwas, das sich immer wieder neu formiert: durch Bilder, Rituale, Erinnerungen, Fiktionen und das, was fehlt. Ellen Kobe nutzt die Verschiebung als künstlerisches Verfahren und die Abwesenheit als Imaginationsraum. Ihre Arbeiten fordern dazu auf, den vertrauten Bildern und Erzählungen nicht einfach zu glauben, sondern die Zwischenräume wahrzunehmen, in denen sich Geschichte verändert, fortschreibt und neu erzählt.