Adolf Wölfli: Memorandum
BaldSoonEnde der 1920er Jahre schuf Adolf Wölfli (1864–1930) zwei großformatige Werke unter dem Titel „Memorandum“: 1926 die monumentale Arbeit Memorandumm, ein Jahr später das 120 × 187 cm messende Werk Memorandum. Die Trummbann: Schyackt, in Nord=Amerika, die sich heute in der Sammlung Zander befindet. Die erste dieser beiden Zeichnungen, die Wölfli wie alle seine Werke mit Blei- und Farbstiften anfertigte, entstand für einen Aufenthaltsraum der psychiatrischen Anstalt Waldau bei Bern, wo er als Patient 34 Jahre bis zu seinem Tod verbrachte; die zweite Zeichnung gestaltete er für die private Auftraggeberin Hermine Ferndriger-Marti, eine Anhängerin Carl Gustav Jungs.
Seinem Ursprung nach verweist das Wort „Memorandum“ auf die Erinnerung und das Gedächtnis. Und so bezeichnete auch Wölfli in einer 55 Zeilen langen Erklärung, die er auf die Rückseite von Memorandumm schrieb, dieses Werk als ein „Angedenken“ an seine „im allerhöchsten Grade hochintteressante, lehrreiche ab’r höchst gefährliche, Schöpfungs=Reise“. Damit bezog er sich auf Motive seiner 1908 begonnenen literarischen Autofiktion, die von seinem Aufstieg zum Schöpfer des Universums, der „St. Adolf-Riesen-Schöpfung“, erzählt. Mit beiden Arbeiten hat sich Wölfli jedoch zugleich selbst Denkmäler gesetzt. Sie sind nicht nur Darstellungen einer imaginären, sondern Allegorien und Zeugnisse einer höchst konkreten „Schöpfungs-Reise“, visuelle Synthesen einer künstlerischen Entwicklung, die sich in drei Jahrzehnten zwischen den Wänden einer Zelle vollzog.
Auf welchen Wegen, unter welchen Voraussetzungen, aufgrund welcher Deutungen, Verkürzungen und Missverständnisse ist dieses Werk jedoch in die Öffentlichkeit und damit in das kulturelle Gedächtnis, in private Sammlungen, Museen und zahllose Diskurse über Kunst, Psychose und Kreativität gelangt? Warum fiel es nach Wölflis Tod jahrzehntelang in Vergessenheit und erfuhr erst Anfang der 1970er Jahre die erste institutionelle Anerkennung? Das sind die Fragen, denen die Ausstellung „Adolf Wölfli: Memorandum“ in einem Dialog mit den Werken des Schweizer Künstlers aus der Sammlung Zander nachgehen wird, indem sie die Wege seiner Rezeption von Walter Morgenthaler und Hans Prinzhorn über Jean Dubuffet und André Breton bis hin zu Harald Szeemann und über ihn hinaus nachzeichnet.