







CHRONIC INFLAMMATION
AktuellNowEmma Adler, CHRONIC INFLAMMATION, exhibition view, 2026, Photo: Simon Vogel, Courtesy of the artist and MARTINETZ, Cologne
Was bedeutet Wahrheit in einer Zeit, in der Bilder und Erzählungen nicht mehr belegen, was geschehen ist, sondern bestimmen, was als Wirklichkeit gelten soll – in der Wiederholung Beweise ersetzt, Affekt zum Argument wird und politische Macht darüber entscheidet, wem geglaubt wird?
Emma Adlers Ausstellung CHRONIC INFLAMMATION beschreibt eine Gesellschaft im Zustand chronischer Entzündung. Was als Schutzreaktion beginnt, greift schließlich den eigenen Organismus an. Polarisierung, mediale Erregung und konkurrierende Wahrheitsansprüche verselbstständigen sich. Offensichtliche Lügen können dabei eine fast religiöse Anziehungskraft entfalten und zu Loyalitätstests werden: Wer sie wiederholt, demonstriert vor allem Zugehörigkeit.
Adlers neue Werkserie fragt, wie gesellschaftliche Wahrheiten über weibliche Körper hergestellt, in sie eingeschrieben und durch sie legitimiert werden. Misogynie ist kein Nebeneffekt autoritärer Systeme, sondern eines ihrer tragenden Prinzipien – eine Verbindung, die Silvia Federici besonders eindringlich herausgearbeitet hat. Die Kontrolle über Frauen, Sexualität, Reproduktion und Familie wird dabei zum Sinnbild einer vermeintlich natürlichen Ordnung. Wer festlegt, wem geglaubt wird und wer als hysterisch, irrational oder übertrieben gilt, bestimmt zugleich, welche Erfahrungen als Wirklichkeit anerkannt werden. Glaubwürdigkeit ist historisch ungleich verteilt: Im Privaten zeigt sich dies in Gaslighting, Victim Blaming und der Pathologisierung weiblicher Wut.