Dieter Roth: Eine Buchverzweigung – Die Solothurner Paneele von 1976
BaldSoonDieter Roth (1930–1998) ist einer der vielseitigsten und einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Er betätigte sich auf so unterschiedlichen Gebieten wie der Malerei, der Plastik, der Grafik, der Musik, dem Auflagenobjekt, der Installation, dem Film und sogar dem Entwurf von Schmuckobjekten. Bevor sich der junge Dieter Roth jedoch dazu entschied, das Gymnasium in Solothurn abzubrechen, um Grafiker zu werden – ein Schritt, der ihm den Zugang zur bildenden Kunst eröffnete –, spielte das Wort, die Dichtung, die zentrale Rolle in seinem Leben. Als Teenager schrieb er Gedichte, um sie wenig später allesamt auf ein kleines hölzernes Floß zu legen, anzuzünden und brennend auf einem Fluss ins Jenseits zu befördern. Damit verschwand seine Jugenddichtung für immer, nicht aber der Traum, Schriftsteller zu werden.
Roth ist wortgewandt, mitunter geradezu wortgewaltig. Das Schreiben und die Dichtung bleiben zeitlebens von großer Bedeutung für ihn. Kaum ein Künstler vermag sein eigenes Tun so präzise zu benennen wie Dieter Roth. Seine Gedichte entwickeln sich rasch zu experimentellen Kunstformen, seine Bildtitel werden mitunter selbst zu Gedichten. Noch jung und weiterhin in Solothurn ansässig, steigt er zunächst in die bildende Kunst ein. Er malt, druckt und schafft Skulpturen im Umfeld der Zürcher Konkreten, zu denen auch Max Bill gehört. Erste Textarbeiten im Umfeld der Konkreten Poesie veröffentlicht er Ende der 1950er-Jahre in Form von Künstlerbüchern.
1956 verlässt Roth die Schweiz und wird zum Kunstnomaden, der weltweit Ateliers unterhält. 1966 erhält er eine Einladung zu einem Lehrauftrag in Providence, USA. Dort vollzieht er einen bis dahin radikalen Einschnitt in seinem künstlerischen Schaffen: Er wendet sich Lebensmitteln, also vergänglichen Materialien, als künstlerischem Werkstoff zu. Das Kunstwerk ist für ihn nun nicht mehr nur ein Resultat, das betrachtet werden kann, sondern wird selbst zum Prozess.
Die Werkstätten der Hochschule in Providence nutzt Roth jedoch auch, um einen Schwung seiner jüngsten Gedichte erstmals in Buchform zu bringen und zu veröffentlichen. Er gibt dem Gedichtband den etwas irritierenden Titel Scheiße – neue Gedichte von Diter Rot. Was zunächst nach Provokation klingt, versteht er eher als Vorsichtsmaßnahme – ganz nach dem Motto: Was schon so negativ betitelt ist, kann mir später auch keiner mehr schlechtmachen …