
Kitty Kraus
AktuellNowAbbildung: Kitty Kraus, 2026. Courtesy der Künstlerin und Kunstverein München e.V.
Kitty Kraus’ Ausstellung im Kunstverein München widmet sich einem einzigen neuen Werk der Künstlerin: einem scheinbar endlosen Pfad. Ein von hinten beleuchteter Spiegel wirft einen langen, schwarzen Schatten über den Boden. Damit sich dieser Schatten zu einer vollkommen geraden Spur verdichtet und diese sich in der Spiegelung geradlinig fortsetzt, muss sich das Licht in der Installation auf eine Weise verhalten, wie künstliches Licht es normalerweise nicht tut.
Sonnenlicht gelingt dies beinahe mühelos, da seine Strahlen aus großer Entfernung nahezu parallel auf die Erde treffen. Einer Lampe fehlt diese Distanz: Da sie sich nahe an dem befindet, was sie beleuchtet, fächern sich ihre Strahlen von einem einzigen Punkt aus auf, wodurch auch der von ihr geworfene Schatten auseinanderläuft. Kraus arbeitet dieser Gegebenheit mit einer stark gebündelten Lichtquelle von beinahe blendender Intensität und einer Anordnung von Spiegeln entgegen. Das künstliche Licht wird gebrochen und umgelenkt, wodurch es gezwungen wird, sich wie Sonnenlicht zu verhalten. Das Ergebnis ist elementar: eine lange, gerade schwarze Linie entlang des Bodens.
Doch die Linie endet nicht dort, wo der Schatten endet. Im Spiegel setzt sie sich als Reflexion fort und reicht weit über ihre tatsächliche Länge hinaus. Was als ununterbrochene Form erscheint, existiert somit in zwei unterschiedlichen Zuständen: teils als Schatten auf dem Boden, teils als dessen Spiegelbild. Keine der beiden Formen ist materiell greifbar, doch gemeinsam verleihen sie der Linie ihre scheinbare Kontinuität – sie ist vollständig sichtbar, und zugleich ist das meiste, was wir sehen, gar nicht vorhanden. Aus einem optischen Problem wird eine Frage der Präsenz: Wie kann etwas Immaterielles die Präzision und Eindringlichkeit eines Gegenstands annehmen?
Kraus setzt minimale Mittel oft unter extreme physikalische Spannung. In anderen Arbeiten treibt sie Materialien oft bis an den Punkt, an dem sie kurz davor sind zu bersten, zu schmelzen, aufzuschlagen, zu reißen oder auseinanderzubrechen – gehalten an der Schwelle zwischen zwei Zuständen. Doch diese Transformationen werden nie zum Spektakel. Sie bleiben stets an die Eigenschaften, Kräfte und Grenzen der Materialien selbst gebunden. In diesem neuen Werk liegt die Spannung in der präzisen Anordnung, wo alles stets kurz davor ist, aus dem Gleichgewicht zu geraten.
Hier bringt Kraus ihre Ökonomie minimaler Mittel fast bis an ihre Grenze. Licht, ein Spiegel, ein Schatten: Das Werk reduziert sich auf Elemente, die physikalisch eindeutig, aber als Dinge nur schwer zu fassen sind. Licht durchquert den Raum; ein Spiegel hält fest, was sich ihm gegenüber befindet; ein Schatten besitzt keine materielle Substanz und zeichnet sich dennoch mit der optischen Genauigkeit einer gezogenen Linie ab. Kraus setzt diese Bedingungen in ein differenziertes Verhältnis zueinander. So beginnt das scheinbar Einfache zwischen Präsenz und Abbild zu gleiten, zwischen dem, was physisch vorhanden ist, und dem, was nur zu sein scheint.
Die Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit Simian, Kopenhagen, realisiert und mit großzügiger Unterstützung von Knackscharf Rent ermöglicht.
Abbildung: Kitty Kraus, 2026. Courtesy der Künstlerin und Kunstverein München e.V.