






Transit
AktuellNowHaleh Redjaian | Transit | Ausstellungsansicht / Exhibition view Galerie kajetan Berlin 2026 | Photo: Hans Grunert
Text: Eliza Grabarek
Die Galerie kajetan freut sich, mit Transit die zweite Einzelausstellung der deutsch-iranischen Künstlerin Haleh Redjaian (*1971, Frankfurt/Main) in ihren Räumen präsentieren zu dürfen. Die Ausstellung versammelt aktuelle Arbeiten auf Papier und Leinwand, Textilarbeiten sowie eine eigens am Ort entwickelte Wandzeichnung. Ausgehend von Linie und Raster untersucht Redjaian das Zusammenspiel zwischen gesetzter oder gegebener Struktur und einem Ergebnis, dessen endgültige formale Ausprägung sie bewusst offenhält. Ihre geometrisch-abstrakte Formensprache verbindet dabei Einflüsse der westlichen Moderne, etwa des Bauhauses, mit persisch-islamischer Kunst und Architektur, in denen geometrische Muster sowie Symmetrie und Wiederholung eine prägende Rolle spielen.
Besonders anschaulich zeigt sich Redjaians künstlerische Herangehensweise in ihren textilen Arbeiten. Die handgewebten Teppiche lässt die Künstlerin in Kerman im Iran nach vorgegebenen Maßen und mitunter nach eigenen Mustern fertigen. In der handwerklichen Ausführung entstehen dabei Abweichungen: Maße, Formen und Muster können leicht variieren. Auch die Naturwollfäden innerhalb eines Teppichs unterscheiden sich in Farbigkeit und Beschaffenheit, sodass Schattierungen entstehen und sich eine eigene Materialästhetik entwickelt. Was in ihr Atelier zurückkehrt, ist damit nie die reine Umsetzung eines Entwurfs, sondern ein eigenständiger, von den Spuren seiner handwerklichen Herstellung geprägter Träger, auf den die Künstlerin reagiert. Lithografische Drucke und geometrische Formationen aus aufgenähten Fäden bilden weitere Ebenen, die auf das bereits vorhandene stoffliche Gefüge treffen und mit seinen Eigenheiten in einen Dialog treten. Die Lithografie, einmal auf das Gewebe übertragen, lässt keine nachträgliche Korrektur zu. Unterschiedliche Formen von Präzision und Abweichung schreiben sich so in das künstlerische Werk ein.
Die Wandzeichnung Transit (2026), räumlicher Fluchtpunkt wie auch inhaltlicher Verdichtungspunkt der Schau, hat die Künstlerin eigens für die Ausstellung entwickelt. Auf der olivgrauen Stirnwand entsteht innerhalb einer vordefinierten Anzahl von Bohrpunkten ein Geflecht aus überwiegend diagonalen Linien, die Redjaian mit der Schlagschnur direkt auf die Wand setzt. Anders als bei vielen ihrer Wandarbeiten geht dieser Arbeit kein Entwurf voraus – die vertikal angelegten seitlichen Bohrlöcher bilden den Ausgangspunkt, von dem aus die Künstlerin die Komposition entwickelt. Linien kreuzen und verdichten sich, verändern sich in ihrer Neigung, bleiben innerhalb einer sich herausbildenden Ordnung oder brechen aus ihr heraus. Erst im Schaffensprozess selbst entscheidet die Künstlerin, wann die Arbeit für sie einen finalen Zustand – jenen der Balance, wie sie sagt – erreicht hat. Die Schlagschnur verbindet dabei geometrische Präzision mit den Spuren ihrer Anwendung: Neben scharf gesetzten Linien bleiben mitunter staubige, leicht ausfransende Ränder sichtbar.
Auch die Wahrnehmung der Zeichnung bleibt in Bewegung. Je nachdem, worauf sich der Blick richtet, treten entweder die weißen Linien als Figur hervor oder die dunklen Wandflächen zwischen ihnen verdichten sich zu eigenständigen Formen. Figur und Grund können ihre Rollen wechseln – was eben noch Hintergrund war, wird selbst zum Motiv. Die Künstlerin drängt dabei die ästhetische Aufladung, die andere Werkgruppen durch Farbe, Gold, Textil oder Ornament erfahren, bewusst zurück. Damit tritt die dynamisch verzahnte geometrische Struktur prägnant hervor und mit ihr die unterschiedlichen Richtungen, in die ihre ausgreifenden Linien auf nur einer Seite des Zeichenfeldes weisen.
Struktur und Offenheit prägen ebenso Redjaians Arbeitsweise. Ihre Kompositionen entstehen innerhalb gesetzter Parameter, ohne dass ihr Ergebnis vollständig vorweggenommen wäre. Das Raster bildet einen Rahmen, der Abweichungen nicht ausschließt, sondern diese erst sichtbar werden lässt. Zugleich ist das wiederholte Setzen von Linien und Markierungen an einen Rhythmus gebunden: Redjaian zählt dabei Linien und Rasterfelder. In ihrer Auseinandersetzung mit dem iranischen Mustergesang (persisch: Naqshe Khani), dem rhythmischen Singen von Musteranweisungen während des Webens, findet dieses Zählen eine Entsprechung. „Ich zähle, ich singe nicht“ (Haleh Redjaian, zitiert nach Fawz Kabra, White Leaves One and Two on Their Place, 2020), beschreibt die Künstlerin selbst die Verbindung zwischen Zählen und Mustergesang. Wiederholung und Regel erhalten damit neben ihrer formalen auch eine zeitliche und körperliche Dimension.
Aus diesem Verhältnis von Ordnung und Offenheit heraus verweist die Künstlerin mit dem Ausstellungstitel Transit auf einen Zustand des Dazwischen: einen Moment, in dem eine bestehende Ordnung nicht mehr unverändert fortbesteht, eine neue sich jedoch noch nicht herausgebildet hat. Der Titel bezeichnet damit weniger den Übergang von einem Zustand in einen anderen als vielmehr das Verharren in einem offenen Zwischenraum. In diesem gewinnen Entscheidungen und Möglichkeiten an besonderer Bedeutung: Zwischen Setzung und Intuition, Ordnung und Abweichung formieren sich Redjaians Arbeiten immer wieder neu und lassen Zwischenräume entstehen, in denen Veränderung und Verschiebung als Möglichkeiten gegeben sind, sich aber noch nicht vollzogen haben.
Redjaians Praxis knüpft an die geometrische Abstraktion der Moderne und hier insbesondere an die Konkrete Kunst an. Wo diese, vor allem in ihrer rational-mathematischen Ausprägung, auf Ordnung, Serialität und eine Zurücknahme des subjektiven Ausdrucks und der individuellen Handschrift zielte, setzt die Künstlerin dem die sichtbaren Spuren von Handarbeit, die Eigenheiten des Materials und ein nicht vollständig vordefiniertes Ergebnis entgegen. Präzision und Unregelmäßigkeit bilden bei ihr keinen Widerspruch, sondern bestimmen gleichermaßen die formale Ausprägung ihrer Arbeiten.