



Lili Theilen: Cyclic Loading
AktuellNowCourtesy Eigen + Art Lab
Die Skulpturen zweier Flötenspielerinnen stehen sich gegenüber.
Die Flöten wurden entwendet.
Aus den Flötenspielerinnen werden Boxerinnen, die Fäuste gehoben, kampfbereit einander gegenüberstehend.
Sie betreten den Ring in der nächsten Runde.
Skulpturen männlicher Figuren im öffentlichen Raum zeigen oftmals historische Persönlichkeiten, Politiker, Krieger, Wissenschaftler…Sie sind individuell bekleidet und werden gemeinsam mit Symbolen und Attributen der Macht räumlich erhöht, etwa auf Sockeln oder Podesten, inszeniert.
Weibliche Skulpturen hingegen erscheinen häufig als allegorische Darstellungen- etwa als Justitia oder als Sinnbilder des Friedens,– oder als anonyme, meist unbekleidete Figuren. Im Durchschnitt erfahren weibliche Skulpturen auch oft eine weniger stark räumliche Hervorhebung oder stehen ganz ohne Sockel.
»Die Frage nach der eigenen Identität ist heute nicht mehr Wer bin ich?, sondern vielmehr Wo bin ich? […] Die geschlechtsspezifische Identität entsteht durch den Raum, den Menschen sich schaffen, um darin existieren zu können.«
Birgit Jürgenssen
Allen Arbeiten zugrunde liegen Skulpturen. Sie werden verändert, dokumentiert, entzerrt. Es geht um den Raum, den sie füllen, und um die Art und Weise, wie sie diesen Raum verändern.
Ein zyklischer Abrieb, der keine Bruchstelle tatsächlich herausfordert. Ein Reiben an der Kunstgeschichte, an der Zuordnung weiblicher Allegorien.
Die allegorischen Betrachtungen werden übergestülpt und im Drehmoment wieder abgeschliffen. Bedeutung lagert sich ab, wird aufgetragen, verdichtet sich.
Seit Generationen kommen Besuchende in der Mailänder Galleria Vittorio Emanuele II zusammen, um einem besonderen Ritual nachzugehen. Auf einem Bodenmosaik mit einem Stiermotiv drehen sie sich dreimal auf dem Absatz gegen den Uhrzeigersinn – ein Brauch, der Glück bringen und dafür sorgen soll, dass sie nach Mailand zurückkehren.
Die jahrzehntelange Wiederholungg des Rituals hat deutliche Spuren im Mosaik hinterlassen. Besonders stark abgenutzt ist dabei die Darstellung der Hoden des sogenannten „Torino“-Stiers.
Durch Bewegung entsteht Abrieb. Durch Wiederholung verschwindet Material.
Die Stadt Mailand lässt das berühmte Mosaik restaurieren. Nach Abschluss der Restaurierung sind die Hoden nicht mehr vorhanden.
Was sich schichtet,
was sich abschabt,
was sich einbrennt,
was sich abschleift,
was sich unter Schatten eingraviert,
bewegt sich schleifend auf einen Punkt zu.
Farbe wird aufgetragen und teilweise wieder abgeschürft. Schicht um Schicht entsteht und verschwindet. Es bildet sich eine Art innere und äußere Schale, während sich die Belastung punktuell in die Leinwand einschreibt.
Unter zyklischer Belastung versteht man die wiederholte und regelmäßige Einwirkung einer Kraft oder Beanspruchung auf ein Material oder eine Konstruktion über einen bestimmten Zeitraum hinweg.
Anstelle einer einmaligen statischen Kraft schwankt die Belastung in einem sich wiederholenden Muster. Mit jeder Wiederholung kann sich das Material verändern. Es kann geschwächt werden, lange bevor eine sichtbare Bruchstelle entsteht.
Text von Lili Theilen